Advanced Dungeons & Dragons ist eines der ältesten Videospiele, die auf dem Rollenspiel D&D basieren. Ein Text von Gunnar Lott.

Ich wäre als Retrogames-Podcaster prädistiniert dafür, aber ich sammele nicht aktiv Spiele. Aber manchmal bleiben welche an mir kleben und dann kann ich sie nicht wieder loslassen. Das ist nicht schlimm, man kann schon ein paar Spiele besitzen, vor allem, wenn man, wie ich, genügend Platz im Büro hat. Und zudem keinen Chef oder auch nur Kundenverkehr, der das befremdlich finden könnte. Aber keine Regel ohne Ausnahme, hin und wieder kann ich nicht widerstehen… und dann findet doch ein Spiel den Weg von Ebay in meine Sammlung, mit Absicht ausgesucht und bezahlt.

So ein Spiel ist Advanced Dungeons & Dragons für das Intellivision, eine historische Konsole von Mattel, ja, das sind die Barbie-Leute.

Ich habe nur noch vage Erinnerungen daran, es in den Achtzigern auf der Konsole eines Freundes gespielt zu haben, und generell sind die Intellivision-Sachen aus heutiger Sicht ein bisschen zu primitiv, um sie noch mit viel Genuss zu spielen.

Zudem: Sie kamen in Standard-Packungen in Einheitsgröße ohne lustigen Schnickschnack drin Und sind nicht mal selten. Richtige Sammler rümpfen an dieser Stelle die Nase, nehme ich an.

Aber D&D* ist so ein mächtiges Motiv in meinem Leben: Es war ein bedeutender Faktor in meiner Jugend, als ich durch die Freundschaft mit Marco erstmals aus dem seichten Dorfleben ausbrach und in einen Freundeskreis geriet, mit dem ich gemeinsam die heilige Tetrade der frühen Nerd-Hobbys erforschte: Rollenspiele, Computerspiele, Warhammer, Comics. Was mir eine Welt öffnete, in die ich eintrat, spontan zuhause war, und nie mehr verlassen habe. Ich bin irgendwann aus dem aktiven Rollenspielen am Tisch und mit Gruppe wieder rausgedriftet, aber D&D-Computerspiele waren mein Futter in den Neunzigern – und irgendwie hat sich letztes Jahr ein Kreis geschlossen, als meine PR-Agentur den Pitch für die Deutschland-PR der Marke Dungeons & Dragons gewonnen hat und seither die Ehre an, ein ganz kleines bisschen zum weiteren Erfolg des altehrwürdigen Rollenspiels beizutragen.

Was hat das alles mit dem Spiel zu tun, das Thema dieses Artikels ist? Nicht so viel, aber als alter Mann wird man ja wohl ein bisschen seine nostalgische Verklärung herleiten dürfen.

Also, was ist das denn nun für ein Werk, das ich da erworben habe? Advanced Dungeons & Dragons von 1982 ist eines der ersten D&D-Spiele, die von TSR, Inc. (dem damaligen Markeninhaber) lizenziert wurden. Und das erste Intellivision-Modul, das mehr als 4K ROM verwendet. Es ist eine Inhouse-Produktion von Intellivison, der Entwickler ist Tom Loughry. Es nutzt gar nicht viel von der Pen&Paper-Vorlage, nicht die Regeln, nicht die Namen, keine Landschaften, aber immerhin spielt es in Kavernen und Drachen kommen auch vor. Man spielt eine Heldengruppe von drei Leuten, aber es gibt keine Charakterwerte oder -Klassen, und die drei Typen sind auch eigentlich nur eine andere Art, darzustellen, dass der Spieler drei Leben hat – in die Kämpfe geht nämlich immer nur einer. Das Spiel ist im Wesentlichen ein Take auf Adventure für das Atari 2600, bereichert dessen “Lauf-durch-Gänge-und-wehre-Monster-ab”-Gameplay aber um eine wichtige Komponente: die Oberwelt.

Kennern der Materie entfährt an dieser Stelle ein “oh”: Das Spiel hat nicht nur eine Bildschirmansicht, es hat zwei! Das ist ungewöhnlich für das Erscheinungsjahr. Die deutsche Zeitschrift Telematch urteilte dementsprechend damals enthusiastisch: „Bei Advanced Dungeons & Dragon stimmt eigentlich alles!“

Man beginnt auf einer Landkarte einer bergigen Region und sieht das Ziel am anderen Ende: den Cloudy Mountain. Man sieht ihn nicht nur, man hört ihn sogar, einer der wenigen Soundeffekte ist das Schnarchen der Drachen, die dort schlafen. Man muss nun die Helden zum Berg führen, dort zwei Teile der Crown of Kings finden, das war’s. Aber der Weg dahin ist beschwerlich. Die Flüsse kann man nur überqueren, wenn man in einem Dungeon das Boot gefunden hat, die Wälder verlangen nach einer Axt, und die Mauern nach einem Schlüssel. Man dringt also in Verliese ein, findet hoffentlich den gesuchten Gegenstand, steigt wieder ans Licht, passiert das nächste Hindernis, sucht den nächsten Gegenstand. Alles ganz einfach, man kann eine Session in 15 Minuten durchspielen. Aber die zufallsgenerierten Dungeons sind ganz aufregend, weil das Spiel (sensationell für seine Zeit) viel mit Sound arbeitet und man die Monster eher hört als sieht. Und weil es eine erprobte Taktik ist, die eigenen Pfeile (die einzige Waffe, Schwerter oder gar Magie gibt es nicht) ins Dunkle zu schießen, was effektiv sein kann, weil sie aus irgendwelchen Gründen wie Pistolenkugeln von den Wänden abprallen und weiter fliegen, anstatt stecken zu bleiben.

Naja, wurscht, es ist ein interessantes Spiel, aber mehr als einmal habe ich es nicht durchgespielt. Meine Hauptbeschäftigung mit dem Titel ist es, ihn aus dem Regal zu nehmen und daran zu schnuppern – die Packung riecht muffig, aber mit einem chemischen Unterton, wie nach einer alten Lagerhalle – und mir vorzustellen, wo das Ding in den mehr als vierzig Jahren seit seiner Herstellung wohl schon war. Zumindest in San José, in Kalifornien, denn dort residiert der Händler Tacohead1000, der mir das Spiel verkauft hat. Es kostete für läppische 8,99 (plus $ 22,66 Versand, seufz). Ich habe ihn sogar gefragt, wo er es her hat, aber es war wohl kein Familienerbstück, sondern nur ein Zufallskauf auf einem Flohmarkt.

Naja, ich habe es trotzdem lieb. Und hin und wieder, in Video-Calls mit den Leuten, für die wir die D&D-PR machen, platziere ich es wie zufällig hinter mir im Regal, in der Hoffnung, dass mich jemand drauf anspricht.

Tut aber nie wer. Pfff.

* Ich erkläre nicht, was D&D ist. Ehrlich, wenn ihr das noch nie gehört habt, müsst ihr vielleicht eure Lebensentscheidungen überdenken. ;-).

(Dieser Artikel erschien in einer leicht anderen Fassung zuerst im Stay Forever Insider 7/2023.)