Mehr Unabhängigkeit von US-Konzernen wagen. Ein Erfahrungsbericht von Gunnar Lott.

Eigentlich wollte ich nur wieder ein bisschen mehr Kontrolle über mein Telefon und ein bisschen weniger Tech-Konzern in meinem Leben. Der Auslöser war das iOS-26-Desaster, das hässliche, Bug-behaftete Update des iPhone-Betriebssystems, das mir ein bisschen überraschend klargemacht hat: Vom alten Apple-Glanz ist nicht mehr so viel übrig. Die große Welle der Enshittification hat auch Apple erfasst, vielleicht erst jetzt, vielleicht schon länger. Aber es ist nicht die Frustration mit Apple an sich, die mich antreibt, es ist die Frustration mit Technik insgesamt: Gefühlt wird alles schlechter, alles ist KI, alles will alle Daten.

Also der Entschluss: Ich will raus aus dem Apple-Kosmos. Ich hab (zu) viel Zeug von Apple, Macs (ein älteres MacBook Pro für unterwegs und ein relativ frischer iMac fürs Podcasten), die Watch, Kopfhörer, Homepods. Zentral in diesem Ökosystem ist das Smartphone: Damit muss ich anfangen, sonst wird das nie was. Also: Das iPhone muss weg. Dazu gleich mehr.

Für mich selber überraschend: Der Wunsch, mir eine Pebble Time 2-Smartwatch zu kaufen, brachte den Stein ins Rollen. Erst bei der Beschäftigung damit wurde mir wieder bewusst, wie Apple das eigene OS absichtlich einschränkt, damit etwa die Apple Watch Funktionen nutzen kann, die Drittanbieter nicht bekommen. Das leise, aber klebrige Festhalten im iOS-Ökosystem hat mich früher nie gestört, aber jetzt fällt es mir überdeutlich auf. Vielleicht ist es Zeit: Damals bin ich überhaupt nur zu iOS gewechselt, weil die damaligen Android-Wear-Uhren furchtbar waren. Ich wollte eine Smartwatch, es wurde eine Apple Watch, also brauchte ich ein iPhone, dann kamen AirPods, HomePods und so weiter. Der bekannte Apfel-Kreislauf. Diesmal wollte ich ihn durchbrechen.

Der offensichtliche Wechsel wäre ein normales Android gewesen. Aber Google ist mir… unappetitlich. Ich benutze nicht mal die Google-Suche, wenn es sich irgendwie vermeiden lässt, warum also freiwillig dauerhaft bei denen einziehen? Also die radikale Entscheidung: ein alternatives, datenschutzfreundliches Betriebssystem, auch wenn das Einschränkungen bedeutet. Ich nutze das Handy sowieso zu viel; ein bisschen Reibung schadet da nicht.

Nach ein paar Tagen Recherche stand es fest: GrapheneOS wird es. Das ist ein “gehärtetes” Android mit weitreichenden Datenschutzfunktionen, läuft ausschließlich auf gerooteten Pixel-Geräten und bringt alles mit, um Google weitgehend rauszuwerfen. Schau’n mer mal, dachte ich. Und habe Hardware bestellt.

Der Hardware-Umzug

Verkauft:
iPhone 15 Pro Max
AirPods Max
Apple Watch Ultra
HomePods

Sieht schlimm aus, aber ich kaufe fast alle Technik eh gebraucht oder „refurbished“, daher ist der Verlust beim Verkaufen nicht soo immens.

Gekauft:
gebrauchtes Pixel Pro XL
gebrauchte Garmin Venu 2

Die Smartwatch ist, ahem, eine Zwischenlösung für die Pebble, die erst im Q1 2026 lieferbar ist.

Weiterbenutzt:
AirPods Pro 2 (nach 15 Minuten Tüftelei mit der App „CaPod Airpods“ inkl. Auslesen von Bluetooth-Kennungen am Mac – ja, das ist Spaß für Fortgeschrittene)

Um GrapheneOS zu installieren, muss man den Bootsektor entsperren. Das ist ein kleiner Nervenkitzel, ging mir auch beim ersten Mal schief. Aber die Anleitung von GrapheneOS ist hervorragend. Im zweiten Versuch war es dann doch nicht wirklich schwer, aber ich kam mir natürlich trotzdem vor wie ein Hacker.

Die große App-Reinigung

Ein gewollter Nebeneffekt des Plattformwechsels: Ich habe die Anzahl meiner Apps ungefähr halbiert. Und viele davon radikal ersetzt. Die Gründe sind unterschiedlich: zu datenkrakig, zu US, zu teuer, zu Apple, zu Google etc. Ein weiterer guter Grund wäre „zu Microsoft“, aber außer einem Windows-Spielerechner hab‘ ich eh kaum was von denen. Hier die Liste der sich nach und nach erweiternden Maßnahmen (zufällige Reihenfolge):

Apple / Google / Big Tech Alternative
YouTube (Musik) Metrolist
YouTube (Videos) Browser
Google Suche Kagi
Google Maps OpenStreetMap
Google Maps Routenplanung Magic Earth
Evernote Nextcloud Notes
AppStore Droid-ify, Aurora, Obtainium
WhatsApp Signal
Safari, Chrome Vanadium, Orion
Timepage, iCloud Calendar Etar
ChatGPT Mistral
Airdrop LocalSend, KDE Connect
Audible Libro.fm
Apple Weather Overmorrow
Dropbox Scan Fairscan
Dropbox Proton Drive
Spark Betterbird, ProtonMail, Fair Email
Twitter / Instagram / Facebook (ersatzlos)
Overcast / Downcast AntennaPod
Apple Wallet, Apple Pay Curve Pay
Snapseed Image Toolbox
Apple Passwords ProtonPass
Yazio Food You

Vieles von den neuen Sachen ist FOSS (free open source software), das ist oft toll, aber manchmal auch ein bisschen arg trockenes Brot. Als kleinen Luxus hab mir auch ein Abo von Proton gegönnt, das ist der Schweizer VPN-Anbieter mit Datenschutzschwerpunkt.

Behalten habe ich trotzdem einiges:

Freeletics, diverse Banking-Apps, stadtmobil, DB Navigator, Spotify (wegen des Familien-Accounts), Bluesky, Mastodon. Und Whatsapp, ahem.

Der dickste Problemfall: das Firmenkonto bei der elenden Commerzbank. Die PhotoTAN-App weigert sich, auf demselben (gerooteten bzw. entsperrten) Gerät zu laufen wie die Banking-App. Außerdem lassen sich die Commerzbank-Karten in keinem meiner neuen Wallets hinterlegen. Tja nun. Muss ich halt mit der Karte bezahlen wie andere alte Männer, und die Bankgeschäfte mache ich wieder am PC.

Aha-Momente unterwegs:

Kagi ist eine werbefreie, aber kostenpflichtige Suchmaschine. Die ist ganz toll, liefert exzellente Ergebnisse und großartige Features, etwa das manuelle Auf/Abwerten von Seiten in den Suchergebnissen oder das Warnsymbol für KI-Rotz. Kostet eine monatliche Gebühr, lohnt sich aber.
Und ja, es ist natürlich alles etwas anstrengender, wenn man Google und Apple konsequent meidet. Aber: Das Ziel ist Kontrolle, nicht Bequemlichkeit.Denn mal ehrlich, ich nutze mein Handy viel zu oft. Eine etwas unkomfortablere Oberfläche hilft, bewusster damit umzugehen. Deshalb habe ich mich für weniger Widgets, weniger Notifications und einen minimalistischen Launcher entschieden. Links ist mein alter iOS-Bildschirm (der erste von fünf oder so), rechts Niagara auf GrapheneOS — weniger bunt, weniger Ablenkung, weniger „Ich tipp mal eben irgendwas“.

Der Wechsel war nicht reibungslos. Ich habe mich mehrfach gefragt, warum ich mir das antue. App-Migration, Banking-Hürden, AirPods-Bastelei, tausend Passwörter neu eingeben, Bootloader-Panik – alles dabei. Und eine Reihe von Kompromissen, WhatsApp beispielsweise ist schon noch drauf, obwohl das Ding nun wirklich als App von Meta ein Feindbild ist. Aber die Familie kommuniziert exklusiv darüber, es geht derzeit nicht ohne.

Immerhin: Ich habe weniger Ablenkung, mehr Ruhe, VIEL weniger Tracking, weniger Abhängigkeit, mehr Kontrolle. Und das war der Punkt. Nicht Komfort. Nicht „alles funktioniert immer sofort“. Sondern digitale Souveränität. Ich weiß jetzt wieder, wem mein Gerät gehört: mir.

Mein neues Smartphone zwingt mich nicht, mich dauernd selbst zu disziplinieren, mich zu härten gegen die tausend Ablenkungen. Es gibt mir einfach nur nicht mehr ständig Zucker. Und das tut gut.

Anmerkung: Die Titelgrafik dieses Beitrags ist ein Screenshot aus einer Apple-Werbung. In dem Spot wird ein Typ in einer Firma gezeigt, der klar zu doof oder zu uninteressiert ist, einen Vorschlag zu formulieren und das eben auf dem Handy mit „Apple Intelligence“ macht. Das ist, wie Apple 2025 die eigenen Kunden sieht, man gibt nicht mal mehr vor, die Marke der Grafiker, der Macher, der Freigeister zu sein, es ist alles ein Rennen zum kleinsten gemeinsamen Nenner.