Die Verteilung war bei uns so: Ich hatte die PC Player im Abo, mein Bruder die PC Games. Es waren die frühen 90er-Jahre, wir liebten PC-Spiele und die dazugehörigen Hefte. Kein Zweifel, meine PC Player war das wesentlich bessere Magazin – seriös, professionell, vertrauenswürdig. Aber die PC Games, die ich natürlich mitlas, die hatte dann doch eine Sache, die für sie sprach: die Leserbrief-Rubrik. Denn die wurde betreut von Rainer Rosshirt.

Rainer Rosshirt mit Augenbalken-Brille in einem Redaktionsvideo. Quelle: Youtube

Ich gebe zu, ich war einer von denen, die sich damals tief drinsteckten im Leserbrief-Hype. Freute mich Monat für Monat auf den nächsten Schlagabtausch zwischen Lesern und Redaktion. Feixte über schlagfertige Antworten auf freche Briefe. Fieberte mit bei Fehden, wenn die gleichen Leute mehrmals gegen das Redaktionsbollwerk anschrieben. Es war für mich ein bisschen Monthly Soap und eine Prise Sketch-Show. Und, was ich erst rückblickend verstand: eine Kunst für sich. Jedes Heft hatte Leserbriefe, aber nur wenige davon nutzen die Chance, sie zur Bühne zu machen für eine ganz eigene Form von Comedy. Ulrich Mühl gelang das in der ASM, aber niemand führte es zu solcher Meisterschaft wie „Rossi“.

Seine „Post Skript“-Seiten waren über Jahre ein Aushängeschild der PC Games, in denen Rainer Rosshirt die Redaktion mit großer Souveränität gegenüber ihrer Leserschaft repräsentierte. Er tat das mit Witz, Charme und Menschlichkeit; traf stets den Ton, antwortet hilfsbereit auf Anfragen, entwaffnete ungerechtfertigte Kritik mit ironisch-frotzeligen Kommentaren. Rossi verstand, dass Leserbriefe keine trockene Service-Rubrik sein sollten, sondern eines der wichtigsten Bindeglieder zwischen Heft und Publikum; ein Ort, um auf Augenhöhe zu interagieren, um eine gemeinsame Sprache zu sprechen, um Nahbarkeit herzustellen. Und eine Chance, dem Heft Profil zu geben.

Erkannt hat er das schon 1992. Da arbeitete Rainer Rosshirt – 1,90 groß, Franke, Kettenraucher – noch als Verkäufer im Nürnberger Computer- und Spieleladen „PC Computercenter“. Als solcher versorgte er ein junges Computec-Verlagsteam rund um Christian Geltenpoth mit Testexemplaren aktueller Spiele. Als dessen frisch gegründete Zeitschrift Play Time mit ihrer dritten Ausgabe eine dürre Seite Leserbriefe einführte, sprach Rosshirt seiner Erzählung nach die schicksalhaften Worte: „Das kann ja sogar ich besser!“ Im Monat darauf durfte er den Beweis antreten. Sofort änderte sich der Stil, und mit dem Erfolg wuchs auch der Umfang: sukzessive nahmen die Leserbriefe mehr und mehr Platz im Heft ein. Noch im gleichen Jahr war er bei den Computec-Neugründungen Amiga Games und PC Games dabei, in Letzterer ab der ersten Ausgabe. Innerhalb weniger Monate hatte er sich unentbehrlich gemacht.
 
Leserinnen und Leser der Computec-Magazine liebten den Rossi-Sound. Man kaufte das Heft wegen der Tests und blieb wegen der Leserbriefe. 

Von der reinen Leserbriefseite zum bunten Unterhaltungsprogramm: Rossis Rumpelkammer. Quelle: PC Games 9/2003

Hinter den Kulissen jonglierte Rosshirt im Laufe der Jahre und Jahrzehnte zahlreiche Aufgaben; kümmerte sich um den Leserservice, ums Archiv, lernte Praktikanten an. Er schrieb auch Artikel, zum Beispiel DVD-Rezensionen fürs hauseigene Magazin Widescreen; für die PC-Games-Schwesterzeitschrift PC Action testete er gelegentlich Spiele unter dem Pseudonym „Rebecca Ritter“. Nach außen trat er in den 2000ern mehr und mehr in Redaktionsvideos wie „Rossis Welt“ oder „Rossi rät“ auf, seine zwischenzeitlich in „Rossis Rumpelkammer“ umbenannte Leserbriefrubrik baute er zu seiner persönlichen Spielwiese mit Kochrezepten, Fotowettbewerben und einer monatlichen Kolumne aus. Ohne je ein Bild von Rossi vor Augen zu haben – zu seinen legendären Eigenheiten gehörte, dass er sein Gesicht stets verbarg –, glaubte man doch, ihn als Charakter zu kennen. Dabei war Rossi, das hat er selbst zu Protokoll gegeben, in erster Linie eine Kunstfigur.
 
Der echte Rainer Rosshirt, das bezeugen zahlreiche seiner ehemaligen Kolleginnen und Kollegen, war mindestens so sympathisch wie der Rossi im Heft. Einerseits ein Eigenbrötler, der in den frühen Jahren lange für sich saß, in seinem Büro einen Skorpion im Terrarium hielt und von sich sagte, dass er ein Einzelkämpfer und „nicht so der gesellige Typ“ sei – „eine Mischung aus Heavy-Metall-Freak und Gandalf“, so beschrieb ihn sein Kollege Ulf Schneider in einem Interview. Andererseits aber ein ungeheuer netter, hilfsbereiter und zugänglicher Mensch. „Warmherzig“ nennt ihn Oliver Haake, „liebenswert“ Marc Brehme, „immer positiv“ Hans Ippisch, „humorvoll und zugewandt“ Petra Fröhlich in ihren jeweiligen Nachrufen und Erinnerungen. Von denen gibt es zahlreiche, denn Rainer Rosshirt hat viele Leben berührt und beeinflusst – nicht zuletzt das von Petra Fröhlich, die durch einen legendären Leserbrief in der Play Time den Einstieg in die Karriere als Spieleredakteurin fand.
 
Als in den 2010er-Jahren das Internet die klassischen Zeitschriften ablöste und sich der Publikumsgeschmack veränderte, da sah der Computec-Verlag irgendwann keinen Bedarf mehr für einen wie Rossi. Mitte 2020 wurde ihm gekündigt. Da hatte er den Verlag fast drei Jahrzehnte lang begleitet und mitgeprägt. Wenn es nach ihm gegangen wäre, hätte das auch bis zu seinem Lebensende so weitergehen können.
 
Das kam überraschend im Mai 2026. Rainer Rosshirt wurde 69 Jahre alt.